Mit ‘Bücher die gottseidank nie geschrieben wurden’ getaggte Artikel

Kritik der vernünftigen Reinlichkeit

Samstag, 25. September 2010

Zutiefst inspiriert von wohnungsmodernisierungsbedingtem zentimeterdickem Staub verlasse ich heute die trauten Pfade der schönen Literatur und wage einen Blick in die unermesslichen nachtschwarzen Abgründe der Philosophie.

Die Überschrift verrät es bereits: Es geht um Immanuel Kants gottseidank nie geschriebenes Schmuddelbrevier „Kritik der vernünftigen Reinlichkeit“.

Kant hatte im Jahre 1784 nach unsäglichen Mühen und jahrelangen Entbehrungen endlich den kategorischen Imperativ erfunden. Doch gleich am nächsten Morgen verschlampte seine Putzfrau sein Meisterwerk. Kant tobte, spuckte Gift und Galle, schäumte, fluchte. Und feuerte seine Putzfrau. Hoch-Kant.

Zu jener Zeit war gutes Personal schwer zu kriegen, und Kant fand so schnell keinen Ersatz. Sein Haus begann zusehends zu verloddern. Nach ein paar Monaten sah aus wie Sau. Dreck und Staubflusen überall. Ungespülte Kaffeetassen und anderes Geschirr. Überquellende Aschenbecher, Pizzakartons, leere Getränkedosen, Berge von ungewaschener Wäsche.

Kant begann zu riechen.

Eines Tages nun nahm ihn ein Kollege beiseite und rückte mit der Wahrheit heraus: Ganz Königsberg rede über die Zustände in Kants Haus, man rümpfe die Nase oder spotte über den großen Philosophen, Kant solle sich doch bitteschön zusammenreißen und etwas unternehmen, insbesondere gegen den Geruch.

Kant war schwer gekränkt, beleidigt, zornig. Er dachte nicht im Traum daran, sich nun mit Hochdruck um eine neue Putzfrau zu bemühen. Nein, er würde es diesen intellektuellen Tieffliegern zeigen. Er würde seine schmutzige Bude und seinen unverwechselbaren neuen Duft vehement, mit aller Kraft seines messerscharfen Verstandes ins rechte Licht setzen. Ha!

Und so bahnte er sich einen Weg durch Gerümpel und Schmodder in sein Arbeitszimmer und schrieb nicht die „Kritik der vernünftigen Reinlichkeit“.

Der Inhalt

Kant baut seine Kritik auf den Hauptsatz „Gutes Personal ist schwer zu kriegenauf.

Davon ausgehend entwickelt Kant ein riesiges Gedankengebäude um eine „Ästhetik des Schmutzes“, mit vielerlei Verwicklungen und abenteuerlichen Konstruktionen, die in ihrer Gänze auch nur zu umreißen diesen Rahmen sprengen und die Geduld meiner Leserschaft über Gebühr strapazieren würde.

Letzten Endes kommt er zu folgenden Ergebnissen:

Riechen ist menschlich“ und „Dreck ist gesund“.

Radulfs Meinung

Ein brillantes Buch. Die Lektüre fesselte mich wochenlang, ich tauchte ab in Kants Gedankenwelt und war wie gebannt von seinen durch und durch logischen Argumentationen, Folgerungen, Begründungen. Kein einziger Denkfehler, alles auf das Gründlichste durchphilosophiert, ich war begeistert.

Und genau das ist auch der Grund, aus dem ich im Nachhinein dieses Meisterwerk auf das Schändlichste verurteile. Denn während ich Kants Gedankengängen immer mehr verfiel, wurde es auch immer ungemütlicher bei Rumpels.

Ich hörte auf, sauberzumachen, abzuspülen, eben den ganzen überflüssigen Käse zu machen. Stundenlange Streitgespräche mit Huldine.

Ich begann zu riechen.

Irgendwann hat mir die Huldine dann eine geschallert und mich unter die Dusche getrieben. Das hat mich geheilt.

Seitdem vertrete ich folgende Ansicht:

Ab und an mal feucht durchwischen, dann muss man so ein Buch gottseidank nicht schreiben und auch nicht lesen.

Iphigenie auf Speed

Samstag, 03. Juli 2010

Wir kommen nun zum dritten Teil meiner seit einigen Tagen den Feuilleton beherrschenden Rubrik “Bücher, die Gottseidank nie geschrieben wurden“.

Radulf widmet sich heute dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe und seinem gottlob niemals geschriebenen Frühwerk “Iphigenie auf Speed”.

Die Entstehungszeit liegt nicht in der Sturm-und-Drang-Phase Goethes. Angewidert von den strengen gesellschaftlichen Normen und Wertevorstellungen verfiel er für einige Jahre erst in eine rebellische Trotzhaltung und dann dem Drogenkonsum.
Diesen verarbeitete er nicht – nach einer längeren Entziehungsreise durch Italien wieder befreit von seinen Süchten – in dem für die damalige Zeit revolutionären und haarsträubenden Drama “Iphigenie auf Speed”.
Wobei Radulf hinzufügen muss, dass es auch heute noch haarsträubend ist.

Die Handlung

Die Insel Tauris in der griechischen Ägäis, irgendwann in der Antike.

Die drogensüchtige Iphigenie wird von ihrem Dealer, dem sie die gigantische Summe von 12.000 Drachmen schuldet, auf dem kleinen Eiland festgehalten. Dort muss sie seine verschmuddelten Tuniken waschen und bügeln, Stoff an Touristen verticken und für ihn kochen – meist den Poseidonteller mit extra Knoblauchkartoffeln oder die Olympos-Platte für zwei Personen.

Ihr Bruder Orest hat im Kokainrausch den Rest dieser außergewöhnlichen Familie mit einer dorischen Säule erschlagen, nach einer Entgiftung auf Korfu ist er aber wieder bei Sinnen und will Iphigenie aus ihrer misslichen Situation befreien und sie ebenfalls in eine Entzugsklinik bringen.

Der Dealer ist damit nun gar nicht einverstanden und verlangt von Iphigenie, den Bruder wieder anzufixen, damit auch dieser ihm und seinen Lieferungen verfällt und fortan zu Willen sei.
Doch Iphigenie durchlebt nach einem üblen Trip eine Katharsis, sagt sich von den Drogen los, hält dem Dealer eine mächtige Standpauke und kann mit ihrem Bruder Tauris verlassen.

Radulfs Rezension

Ein grauenhaftes Buch.

Sprachlich nämlich sinkt der sonst so wortgewaltige Goethe auf das erbarmungswürdige Niveau der Hauptfiguren.

Ey, Alter, ich fänd´s wunderbar,
machtest du ne Spritze klar.

(Vers 32)

Oh Mann, fick dich ins Knie,
zum Entzug, da geh ich nie!

(Vers 47)

Reich mir den Ouzo auf die Schnelle,
sonst setzt es eine Riesenschelle!

(Ver 59)

Ein kleines Aufblitzen des Goethe´schen Genies findet sich lediglich in Vers 11.
Zum Vergleich zunächst der Vers aus dem dann tatsächlich geschriebenen Alternativdrama “Iphigenie auf Tauris”.

Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
das Land der Griechen mit der Seele suchend …

Und hier die Passage aus “Iphigenie auf Speed”, vom Versmaß her sehr wohl der Goethe´schen Dichktkunst angemessen, aber an  sprachlich-ästhetischer Banalität kaum mehr zu überbieten, was wohl der Handlung geschuldet ist.

Und auf dem Sofa lieg ich lange Tage,
eine freie Vene mit der Nadel suchend …

Ich denke, diese Beispiele genügen, mehr möchte Radulf seinen Lesern nicht zumuten.

Ein weiterer Kritikpunkt ist natürlich die Kürze des Buchs. Die Handlung rast förmlich dahin, der Titel scheint Goethe zu irrwitziger, gedankenloser Eile angetrieben zu haben. Ganze 14 Seiten umfasst das Werk.
Wobei – wenn Radulf es sich recht überlegt, dann ist er eigentlich ganz froh drum.

Und gibt hiermit lautstark seine Meinung über “Iphigenie auf Speed” kund:

Gottseidank wurde es nie geschrieben!

Euer ergebener

Radulf Rumpel-Ranicki

Der Blechbommel

Montag, 28. Juni 2010

In diesem Beitrag meiner großangelegten Reihe “Bücher, die Gottseidank nie erschienen sind” möchte ich den völlig zu Recht nie erschienenen Roman “Der Blechbommel” von Günter Grass vorstellen.

Entstanden ist das Buch nicht im Jahre 1976. Grass hatte damals enorme finanzielle Probleme, da ihm ein Nachzahlungsbescheid für nicht entrichtete Mitgliedsbeiträge bei der Waffen-SS in den Briefkasten geflattert war. In fiebriger Hast wollte er eigentlich binnen zwei Wochen die über 1300 Seiten dieses Großromans hinschludern, um dicke Kasse zu machen, doch dann gewann er völlig überraschend 32 Millionen Mark bei einer Sportwette. Gottseidank!

Die Handlung

Danzig im Jahre 1924.
Der 93-jährige Sonderling Oskar Motzerott stürzt beim Bierholen völlig besoffen die Treppe eines schäbigen Mehrfamilienhauses hinunter. Randvoll mit Adrenalin aufgrund der Schmerzen in seiner gebrochenen Hüfte brüllt er lallend im Treppenhaus herum, dass er keinen Bock auf diese Kacke habe und dass er soeben beschlossen habe, niemals zu sterben und ab sofort seinen Mitmenschen das Leben zur Hölle zu machen.

Seine Hüfte heilt sehr schlecht, und so kauft er sich einen Rollstuhl und eine Weihnachtsmannmütze. In den Bommel der Mütze  steckt er eine Vollblechkugel. Dann rollt er durch Danzig, beleidigt und schmäht seine Mitbürger und zertrümmert mit dem Blechbommel allerorten Fenster, Geschirr und Kniescheiben.

Lange Jahre terrorisiert er so die Stadt und das Umland. Die Nazis kommen an die Macht, der Krieg bricht aus, doch Motzerott – nunmehr über 110 Jahre alt-  lässt sich durch das alles nicht aus der Ruhe bringen und macht weiter wie gehabt.

Als sich der Krieg zusehends seinem Ende nähert und die Rote Armee auf Danzig marschiert, versucht Motzerott mit seinem Rollstuhl über die zugefrorene Ostsee nach Lübeck zu fliehen, wird dabei jedoch von einem russischen U-Boot torpediert. Während sein Rollstuhl langsam Schlagseite bekommt und zu sinken beginnt, verflucht Motzerott die Welt, das Leben, den Papst und vor allem das U-Boot. Dann versinkt er langsam in den eisigen Fluten der Baltischen See.

Radulfs Rezension

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, wollte Grass das komplette Buch in zwei Wochen schreiben. Ganze Tage und Nächte am Stück hätte Grass also wie besessen auf seine Schreibmaschine eingehackt, teilweise völlig übermüdet, innerlich leer, unaufmerksam, gleichzeitig hochgradig panisch wegen der Waffen-SS-Nachzahlung. Er brauchte das Geld so dringend, dass er nicht einmal einen Lektor drüberschauen lassen wollte. Tippen, drucken, verkaufen, das war seine Devise.

Kein Wunder, das der Text eine orthograpische und grammatikalische Katastrophe ist. Seitenweise Satzfragmente, an anderen Stellen Bandwurmsätze von fast Kapitellänge. Fehlende Kommata und andere Satzzeichen, an Legasthenie grenzende Rechtschreibung, Radulf war schlicht entsetzt.

Auch die Handlung reißt nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Ein durch Danzig rollender Greis, der mit einem Blechbommel Glas und Porzellan zum Bersten bringt.
Wie muss man drauf sein, um sich sowas auszudenken? Ich stellte mir diese Frage oftmals während der Lektüre, und auch Ihr, meine verehrten Leser, solltet einmal kurz innehalten und daüber nachdenken.

Wie auch immer. In einem ist sich Radulf jedenfalls sicher:

Gottseidank wurde dieses Buch nie geschrieben.

Euer

Radulf Rumpel

Der Steppdeckenwolf

Freitag, 25. Juni 2010

Verehrte Leserschaft!

Radulf stellt heute den ersten Beitrag seiner neuen, von vielen seiner Leser nicht lange und sehnsüchtig erwarteten Reihe “Bücher, die gottseidank nie geschrieben wurden” vor.

Ich beginne mit Herrmann Hesses gottseidank nie geschriebenem Werk “Der Steppdeckenwolf”, das kurz nach seinem 1927 erschienenen Hauptwerk “Der Steppenwolf” nicht erschienen ist. Auch Wiederauflagen fanden nicht statt. Man möchte beinahe erleichtert aufseufzen und sagen: Gottseidank.

Die Handlung:

Heinrich Heller häkelt eine Steppdecke für seine schwer an Rheuma erkrankte Tante mütterlicherseits.

Radulfs Rezension:

Ein unsagbar langatmiges Buch. Eine äußere Handlung findet fast nicht statt. Lediglich hin und wieder kommt etwas Spannung auf, wenn der Protagonist eine Masche fallen lässt.
Das bringt den Erzählfluss aber nicht derart in Schwung, um die knapp 550 Seiten des Buchs zu rechtfertigen.  Zwar wird das Häkeln an sich und insbesondere das Wiederaufnehmen der fallengelassenen Maschen von Hesse sprachlich meisterhaft und handwerklich virtuos wiedergegeben, doch mir war das Ganze doch etwas zu dürftig.

Ansonsten beschränkt sich das Buch auf qualvoll lange innere Monologe Hellers. So erstellt er auf den Seiten 82-126 eine Einkaufsliste für den Geburtstag seiner geliebten Tante, wobei er bis ins letzte Detail darauf eingeht, was sie brauchen könnte, was sie wahrscheinlich schon hat, bis zu welchem Preis er bereit wäre, bestimmte Dinge zu erwerben usw.

Wie Radulf schon erwähnte, dieses Buch ist furchtbar langatmig.

Gottseidank wurde es nie geschrieben.

In geduldiger Erwartung Eurer Meinung zu diesem Buch verbleibe ich Euer ergebener

Radulf Reich-Ranicki