Zutiefst inspiriert von wohnungsmodernisierungsbedingtem zentimeterdickem Staub verlasse ich heute die trauten Pfade der schönen Literatur und wage einen Blick in die unermesslichen nachtschwarzen Abgründe der Philosophie.
Die Überschrift verrät es bereits: Es geht um Immanuel Kants gottseidank nie geschriebenes Schmuddelbrevier „Kritik der vernünftigen Reinlichkeit“.
Kant hatte im Jahre 1784 nach unsäglichen Mühen und jahrelangen Entbehrungen endlich den kategorischen Imperativ erfunden. Doch gleich am nächsten Morgen verschlampte seine Putzfrau sein Meisterwerk. Kant tobte, spuckte Gift und Galle, schäumte, fluchte. Und feuerte seine Putzfrau. Hoch-Kant.
Zu jener Zeit war gutes Personal schwer zu kriegen, und Kant fand so schnell keinen Ersatz. Sein Haus begann zusehends zu verloddern. Nach ein paar Monaten sah aus wie Sau. Dreck und Staubflusen überall. Ungespülte Kaffeetassen und anderes Geschirr. Überquellende Aschenbecher, Pizzakartons, leere Getränkedosen, Berge von ungewaschener Wäsche.
Kant begann zu riechen.
Eines Tages nun nahm ihn ein Kollege beiseite und rückte mit der Wahrheit heraus: Ganz Königsberg rede über die Zustände in Kants Haus, man rümpfe die Nase oder spotte über den großen Philosophen, Kant solle sich doch bitteschön zusammenreißen und etwas unternehmen, insbesondere gegen den Geruch.
Kant war schwer gekränkt, beleidigt, zornig. Er dachte nicht im Traum daran, sich nun mit Hochdruck um eine neue Putzfrau zu bemühen. Nein, er würde es diesen intellektuellen Tieffliegern zeigen. Er würde seine schmutzige Bude und seinen unverwechselbaren neuen Duft vehement, mit aller Kraft seines messerscharfen Verstandes ins rechte Licht setzen. Ha!
Und so bahnte er sich einen Weg durch Gerümpel und Schmodder in sein Arbeitszimmer und schrieb nicht die „Kritik der vernünftigen Reinlichkeit“.
Der Inhalt
Kant baut seine Kritik auf den Hauptsatz „Gutes Personal ist schwer zu kriegen“ auf.
Davon ausgehend entwickelt Kant ein riesiges Gedankengebäude um eine „Ästhetik des Schmutzes“, mit vielerlei Verwicklungen und abenteuerlichen Konstruktionen, die in ihrer Gänze auch nur zu umreißen diesen Rahmen sprengen und die Geduld meiner Leserschaft über Gebühr strapazieren würde.
Letzten Endes kommt er zu folgenden Ergebnissen:
„Riechen ist menschlich“ und „Dreck ist gesund“.
Radulfs Meinung
Ein brillantes Buch. Die Lektüre fesselte mich wochenlang, ich tauchte ab in Kants Gedankenwelt und war wie gebannt von seinen durch und durch logischen Argumentationen, Folgerungen, Begründungen. Kein einziger Denkfehler, alles auf das Gründlichste durchphilosophiert, ich war begeistert.
Und genau das ist auch der Grund, aus dem ich im Nachhinein dieses Meisterwerk auf das Schändlichste verurteile. Denn während ich Kants Gedankengängen immer mehr verfiel, wurde es auch immer ungemütlicher bei Rumpels.
Ich hörte auf, sauberzumachen, abzuspülen, eben den ganzen überflüssigen Käse zu machen. Stundenlange Streitgespräche mit Huldine.
Ich begann zu riechen.
Irgendwann hat mir die Huldine dann eine geschallert und mich unter die Dusche getrieben. Das hat mich geheilt.
Seitdem vertrete ich folgende Ansicht:
Ab und an mal feucht durchwischen, dann muss man so ein Buch gottseidank nicht schreiben und auch nicht lesen.
