Kapitel 2: Thor kriegt einen Anruf

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Thor, Gott des Donners und Bezwinger der Riesen, saß gerade vor seinem Rechner und schlug sich gemeinsam mit Ares mit einer Horde Nagas herum, als seine Türglocke erklang. Er drückte hektisch ein paar mal die Maustasten, hämmerte mit seinen Wurstfingern auf der Tastatur herum und erschlug noch zwei Gegner, bevor er aufstand und den Summer betätigte.
Es dauerte eine Weile, bis er das nötige Geld aus seinen Hosentaschen herausfischte, und noch etwas länger, bis Thor, der nicht der Allerhellste war, es abgezählt hatte, doch als der Pizzabote schließlich die sieben Stockwerke mittels des alten, langsamen Aufzugs bewältigt hatte, konnte Thor ihm missmutig das Geld geben, ihm die Pizza aus den Händen reißen und diese durch das Durcheinander seiner Ein-Zimmer-Wohnung zurück an den Rechner balancieren. Er riss mit der Linken den Karton auf, nahm ein Stück heraus und stopfte es sich in den Mund, während er mit der Rechten schon wieder Maustasten klickte.
Aber in der Zeit, die er für das Entgegennehmen der Pizza benötigt hatte, war Thors Lebensbalken bedenklich geschrumpft, und so geschah es, dass Thor, Gott des Donners und Bezwinger der Riesen, starb. Natürlich nicht wirklich, und eigentlich auch nicht Thor, sondern Thor2.
Unter diesem, zweifelsfrei nicht besonders originellem Pseudonym trat Thor im bekannten und beliebten Online-Rollenspiel World of Warcraft auf.
Irgendein Idiot hatte sich auf sämtlichen Servern den Namen Thor gesichert, und so kam es, dass er diese dämliche Zahl 2 an seinen Namen hängen musste, während Ares, dieser arrogante Wichtigtuer, unter seinem echten Namen kämpfen konnte. Immer wieder schaute der wahre Thor nach, ob der falsche Thor gerade online war, und wenn dies der Fall war, pflegte der echte Thor den unechten mit orthographisch fragwürdigen Beleidigungen, Drohungen und Schmähungen zu traktieren.
Jedenfalls grunzte Thor, als Thor2 starb, biss ein großes Stück von seiner Pizza ab und trank einen Schluck lauwarme, abgestandene Cola aus der Flasche, die neben der Tastatur stand.
Dieser verfluchte Ares! Schon wieder kassierte er alle Erfahrungspunkte und die ganze Beute.
Mit einem Mausklick ließ er seine Figur, einen mit einem gewaltigen Hammer bewaffneten Krieger, von den Toten auferstehen und machte sich auf den Weg vom Friedhof zurück zum Schlachtfeld.
Am nächsten Morgen weckte das Telefon einen schnarchenden Donnergott. Fluchend stand dieser auf, stolperte über den Beistelltisch, nahm den Beistelltisch mit einer muskelbepackten Hand hoch, warf den Beistelltisch gegen die Wand, ging weiter zum schrillenden Telefon und nahm ab.
“Ja?”
Eine weibliche, überhebliche Stimme: “Guten Morgen, mein Name ist Diesterweg, von der Agentur für Arbeit Würzburg. Spreche ich mit Thor Hammer?”
Scheisse. Diese nervige Tussi schon wieder. Er warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach 11.00. Konnte die ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
“Ja, das bin ich. Sie kennen doch meine Stimme. Außerdem hab ich die Unterlagen vorgestern zur Post gebracht, Sie müssten jetzt endlich alles haben, was sie brauchen.”, murrte Thor. “Darum geht es nicht. Sie hatten vor einer halben Stunde einen Termin. Mit mir, in meinem Büro. Ich hatte ihnen die Einladung zu diesem Termin vor drei Wochen zukommen lassen. Sie sind nicht zu dem Termin erschienen Haben Sie dafür eine Erklärung?”
Thor überlegte fieberhaft. Das mit Thor und dem Nachdenken ist so eine Sache, und so verwundert es nicht, dass dabei auch nicht wirklich etwas herauskam.
“Ich habe verschlafen.”, grunzte er nach einer Weile.
“Nun,” sagte Frau Diesterweg, “das genügt nicht wirklich als Entschuldigung. Vor allem, weil es nicht das erste Mal ist, dass Sie Termine nicht einhalten. Ich muss ihnen leider mitteilen, dass sämtliche Leistungen, die Sie von der Agentur für Arbeit beziehen, bis auf weiteres eingestellt werden. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Auf Wiederhören.” Sie legte auf.
Abgesehen davon, dass sich Thor in den alten Zeiten nie und nimmer mit Tussis von der Agentur für Arbeit hätte herumschlagen müssen, hätte Thor in den alten Zeiten nun geflucht und zornentbrannt gebrüllt, sich seinen Hammer gegriffen, wäre in seinen von zwei Ziegenböcken gezogenen Himmelswagen gestiegen und Blitze schleudernd und donnergrollend zur Agentur für Arbeit gefahren. Dort hätte er auf dem Weg zu Frau Diesterwegs Büro drei bis vier Blutbäder veranstaltet und Sachschaden in mindestens fünfstelliger Höhe angerichtet, dann Frau Diesterwegs Büro in Schutt und Asche gelegt und anschließend Frau Diesterweg mit einem gezielten Hammerschlag ins Gesicht hinweggemetzelt.
Aber die alten Zeiten waren schon lange vorbei, und Thor, Gott des Donners und Bezwinger der Riesen, war nur noch ein Schatten seiner selbst und hochgradig abgestumpft durch seine Spielsucht. Außerdem war er mehrfach wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraft, und Odin hatte ihm verboten, gegen seine Bewährungsauflagen zu verstoßen. Und mit Odin wollte sich Thor lieber nicht anlegen.
Also schnaubte und fluchte er, randalierte ein wenig in seiner Ein-Zimmer-Wohnung, warf einen Stuhl gegen die Wand und zerdepperte Geschirr, grunzte und stampfte ab und an mit Fuß auf. Aber nur einige Minuten, und eigentlich nur, um in Form zu bleiben.
Dann setzte er sich an den Rechner und startete World of Warcraft.

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Eine Antwort zu “Kapitel 2: Thor kriegt einen Anruf”

  1. Pedde sagt:

    Na endlich! :-D

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