Nachträgliche Anmerkung
Aufgrund unvorhergesehener Ereignisse, die mit der Kommentarfunktion dieser Seite zusammenhängen – es gab Kommentare -, stelle ich diesen Eintrag auch in die Seite Meinungen. Wer also diesen Eintrag unter der Kategorie Meinungen gefunden hat und in dem folgenden Gedicht keine Meinung findet, dem sei geraten, in den Kommentaren nachzuschauen. Übrigens muss ich gestehen, dass ich aufgrund der ebenfalls unvorhergesehenen Tatsache, dass es andere Meinungen gibt als die meinige, die ursprünglich vorhergesehene Kategorie Meine Meinungen erst gerade eben in das etwas neutralere Meinungen umbenannt habe.
Wer lediglich auf der Suche nach etwas Poesie ist, kann einfach das Gedicht lesen und sich die Kommentare sparen.
Ende der nachträglichen Anmerkung
Grüßgott miteinander.
Ich möchte euch heute ein Gedicht vorstellen, das ich vor sehr langer Zeit geschrieben habe. Es war eine schwierige Zeit, möchte ich hinzufügen, eine Zeit der Wirren und des Kampfes. Es war eine Zeit, in der ich noch nicht täglich zwei bis drei Tassen Beruhigungstee trank, eine Zeit, in der die Flamme der Revolution noch heiss in mir brannte. Es war eine Zeit, in der ich ständig pleite war und ziemlich angepisst deswegen.
Und, das muss ich betonen, eine Zeit, in der ich die Huldine noch nicht kannte.
Bösewicht
Ich böser kleiner Erdenwurm,
bin schuld an Hagel, Sintflut, Sturm.Um Frieden wurd ich angebettelt,
doch hab ich Kriege angezettelt.Beklau die Armen, schenks den Reichen,
niemand kann mein Herz erweichen.Kenn nur den Hass, kenn nicht die Liebe,
wenn ihr nicht spurt, dann setzt es Hiebe.Gerat ich erst in echte Wut,
nehm ich sofort ein Bad in Blut.So würd ichs gern noch weiter treiben,
doch muss ich fort, kann nicht mehr bleiben.Ich wurd gerade exorziert,
da hab ich dann kapituliert.Bin einfach eine blöde Sau,
schlimmer noch ist meine Frau.
Wir sollten zum Protest gegen das Böse eine Gedichterkette bilden!
Ja, auf jeden Fall. Mir fällt gerade auf, dass dieses Werk des jungen Radulf durchaus als aktuelle Allegorie auf das derzeit (hoffentlich) stattfindende Ende des Turbokapitalismus gelesen werden könnte.
“Ich wurd gerade exorziert, da hab ich dann kapituliert.”
Es steht aber zu befürchten bzw. es ist ja leider schon so, dass einfach die Steuerzahler für die Sünden der Großkotze aufkommen werden müssen und diese weiterhin ihre Schuhe bei Armani kaufen dürfen.
Ich liebäugele ernsthaft damit, gedanklich und emotional wieder Zuflucht beim Kommunismus zu nehmen.
Hatte ich mir nicht vorgenommen, netter und freundlicher zu meinen Mitmenschen zu sein, auch und gerade wenn sie das nicht verdienen?
Sind nicht auch die Großkotze nur Menschen, mit Schwächen und Fehlern, nur mit teureren Schuhen, Autos, Häusern, Prachtvillen, Privatflugzeugen, Yachten, Restaurantbesuchen, Fernreisen, goldenen Uhren und mit der Kaufkraft im Rücken, die es ihnen ermöglicht, mehr Böller als ich zu kaufen?
Kommunismus funktioniert bei Menschen nicht. Solange es Leute gibt, die auf Privilegien stehen (das setzt immer voraus, dass es einem selbst besser als anderen geht) funktioniert auch das schönste kollektive System nicht.
Ich bin immer noch für den guten alten Anarchismus, der im Grunde genommen eh schon bei vielen vorherrscht. Einzig und allein mit der Auflage, anderen Menschen bei der Entfaltung seines Selbst nicht zu behindern. Klingt theoretisch genauso toll wie das kommunistische oder sozialistische Prinzip, oder?
Die Welt besteht leider aus dem dualen System. Gut und böse. Reich und arm. Täter und Opfer. Wer aussteigen will darf sich selbst nicht mehr als Opfer sehen (mir kleinem Mann wird immer das Geld aus der Tasche gezogen) aber auch nicht als Täter agieren (mir egal was andere Menschen machen, hauptsache es reicht für mich) bzw. muss in ein Land oder eine Kultur umziehen, welches die größte Ähnlichkeit zum eigenen Wertesystem hat. Ob Hippiekommune, kommunistischer Staat oder Kloster. Wir hier dürfen glüklicherweise noch aussuchen WO und WIE wir leben möchten. Nur tut das niemand, sondern es wird viel lieber darüber gejammert, lamentiert und geistige Sprengstoffanschläge geplant.
Einfach machen. Im Kleinen. Revolution starts at home.
Wen wir ehrlich sind stehen wir immer auf beiden Seiten. Die “Reichen” wie du sie nennst, die nicht mehr oder weniger emotional verarmt sind wie die “Armen”, stehen wohl aber weniger auf der Opfer-Seite. Materiell gesehen, wenn Materialismus für dich ein Gradmesser des Glücks ist. Doch auch die “Armen” sind Täter bzw. was schätzt du wieviele Kinderhände in China bei der Produktion deiner Knallfrösche geopfert wurden?
Ich gebe dir völlig recht. Kommunismus funkioniert nicht. Aus genau dem Grund, den du genannt hast.
Ich gebe dir auch recht, wenn du sagst, dass der Anarchismus eh schon bei allen vorherrscht. Jeder macht was er will. Manche/viele Politiker sind korrupt bzw. üben legale Nebentätigkeiten aus, aufgrund derer sie verbotenerweise (“nur dem eigenen Gewissen verpflichtet!”) Lobbyarbeit betreiben, die “Reichen” bringen ihr Geld nach Luxemburg und in die Schweiz, wie sie es gerade für richtig befinden, die “Armen” bescheissen bei der Stütze, viele parken, wo sie einen Platz finden und übertreten die vorgegebene Geschwindigkeit.
Und ich stimme dir völlig zu bei deinem dritten Absatz. Wie oft höre ich dieses Gemecker in der Straßenbahn, im privaten Umfeld und manchmal auch aus meinem eigenen Mund, dass irgendwas teurer geworden ist und dass die Kasse den Zahnersatz nicht bezahlt oder die Brille oder was auch immer. In solchen Momenten denke ich mir ganz ganz oft: “Mein Gott, sei froh, dass du am Leben bist, und dass du nicht in Eritrea oder als chinesischer Wanderarbeiter geboren wurdest, und dass du nicht im Rollstuhl sitzt oder blind bist oder was auch immer.”
Aber mit so einem Spruch würde man die Oma in der Bahn einfach überfordern. Wir leben in einer Egokratie. Die meisten denken wirklich nur an sich und vielleicht gerade noch an ihre engere Familie.
Ich schließe mich da gar nicht aus, es ist menschlich. Aber es nervt, wenn es im Übermaß stattfindet, bzw. wenn sich über ein so tolles Leben, wie es die meisten in Deutschland (im Gegensatz zu anderen Gegenden der Welt) haben, auch noch beschwert wird.
Wobei ich mich auch manchmal beschwere, weil manchmal wirklich was “Schlimmes” passiert, und dann beherrscht es für eine Weile das eigene Denken und Handeln und Reden. Man muss einfach schnellstmöglich wieder runterkommen und lässiger werden.
Menschen sind schon hochkomplexe Maschinen, mein lieber Scholli.
Und ja, wir stehen immer auf beiden Seiten. Ich empfinde mich als (materiell) arm, wenn ich mich mit hochbezahlten Managern vergleiche.
Ich empfinde mich aber als (materiell) sehr reich, wenn ich mich mit einem Kind in China vergleiche, das nicht mehr 16 Stunden am Tag arbeiten kann, weil es sich bei der Herstellung meines Feuerwerks die Arme weggesprengt hat. Verzeih mir den Zynismus, aber mir hilft das manchmal, über die Ungerechtigkeit der Welt hinwegzukommen.
Eigentlich versuche ich jedoch, mich nicht mehr zu vergleichen. Ich fühle mich reich. Materiell und, naja, spirituell. Sagt man das so?
Ich habe zu Essen und eine Wohnung und einen Computer mit Internetzugang und vieles, vieles mehr. Heute abend wird es noch mehr, wenn ich dich beim Pokern abzocke.
Und ich bin glücklich mit dem Leben, das ich führe. Ich habe Freunde, die beste Frau der Welt, ich habe einen Job, den ich gerne mache.
Aber ich provoziere leidenschaftlich gerne, und gewisse Auswüchse des Materialismus habe ich nie verstanden und werde es auch nie und werde wahrscheinlich immer wieder versuchen, dagegen anzustinken.
Dualismus ist so eine Sache. Wenn es die Superreichen nicht gäbe, gäbe es auch keine Superarmen, weil der Gegensatz fehlte. Es gäbe die Begriffe gar nicht, und bei mir im Kopf könnte ich nicht die Luxusyacht den verhungernden Kindern gegenüberstellen.
Und dieses Leben in Saus und Braus, und ich meine nicht den Saus und Braus, in dem ich definitiv auch lebe, sondern den richtigen Saus und Braus, also den mit diamantbesetzten Ferraris und noch bizarreren Skurrilitäten, das finde ich zynisch. Wenn die Topmanager den Karren an die Wand fahren und dann noch Millionen an Abfindung kriegen.
Diese Auswüchse meine ich. Das ist die echte, die wahre, die ganz üble Egokratie.
Ich denke, du verstehst, was ich meine. Und das muss ich ab und an loswerden, sonst platze ich. Aber wirklich böse meine ich das gar nicht, manchmal lache ich auch relativ entpsannt über die Auswüchse.
Oder lächele über mich, wie ich mich manchmal drüber aufrege, so wie grad eben.
Stimmt alles, bis auf deinen Gewinn beim heutigen Pokern.
Und genau deshalb hat Tinybuddha mir gestern den Tag wieder bereichert: “You must be the change you want to see in the world.” ~Mahatma Gandhi
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